SATT zu sein, ist eines der Grundbedürfnisse des Menschen. Das Wort weckt Assoziationen wie Zufriedenheit und Wohlstand – ist der wünschenswerte aber fragile Moment zwischen Mangel und Hunger auf der einen und Überdruss auf der anderen Seite. Dieses Gleichgewicht bzw. Maß zu halten ist eine Kulturleistung, die nur gelebt werden kann, wenn man die Gewissheit einer gesicherten Grundversorgung hat.

Doch augenscheinlich brauchen wir mehr als nötig wäre. Uns umgibt  eine Masse von Gütern, obwohl wir wissen, dass wir mit sehr viel weniger gut zurechtkommen könnten. Das meiste, was wir besitzen, ist noch nicht einmal notwendig, sondern eher eine Folge der uns suggerierten Lust zu konsumieren.
In fast allen Lebensbereichen erleben wir ein Überangebot: Wir werden bombardiert von Gedanken und Meinungen, Informationen und Bildern, Events und Eindrücken, Freundschaftsanfragen, Likes und Selbstvermarktungsposen – also einer nicht enden wollenden Flut von Angeboten und Ansprüchen. Aber viele haben das einfach nur satt.

Unser Festivalthema 2016 lädt dazu ein, sich mit menschlichen Grundbedürfnissen auseinanderzusetzen und die Frage zu stellen, was jenseits der bekannten Befriedigungsstrategien liegen könnte. Denn wir sind übersättigt und hungrig zugleich, aber das positive Gleichgewicht eines SATT, scheint zu fehlen.Im Alltag begleitet uns ein ständiges Gefühl des Nie-Genug-Haben-Könnens. Im Konsum können die menschlichen Bedürfnisse nicht nachhaltig befriedigt werden – das ist eine der wichtigen Triebfedern unserer kapitalistischen Gesellschaft. Wir leben zwar auf einem satten Kontinent, doch gleichzeitig sind wir Teil von globalen Verteilungskämpfen. Die Sicherung des europäischen Wohlstands fußt seit jeher nicht nur auf Demokratie, Menschenrechten und Freiheit, sondern auch auf Unterdrückung, Kolonialismus und Ausbeutung.

Als thematischer Begriff ist SATT für uns gerade in seiner Ambivalenz spannend. Nur wenige Sprachen kennen einen Begriff, der so vielseitig verwendet wird wie im Deutschen. Dabei bietet das Wort sowohl positive als auch negative Konnotationen. Der Ausspruch „Du bist ja satt!“ kann sogar verletzen, vor allem wenn der Adressat Künstlerin oder Künstler ist.   

In Bezug auf Kunst eröffnet der Begriff aber auch Fragen: Kann Kunst es schaffen, im übertragenen Sinn wieder hungrig zu machen? Und wenn ja, wie? Verhindert unser gesellschaftliches „Übersattsein“ hier wichtige Entwicklungsschritte?

Als Künstler*in befindet man sich häufig in einer paradoxen Situation: Als Konsument*in kennt man das Gefühl der Überforderung und Überfrachtung; gleichzeitig nehmen Künstler*innen an dem ständigen Kampf um die Aufmerksamkeit ihrer Betrachter*innen teil.    

Und noch ein Paradox: Übersättigte Konsument*innen auch von Kunst verlangen nach immer Neuem, nach nie Dagewesenem – eine Steigerung, die kaum noch möglich ist. Es gibt zuviel Hunger nach Neuem. Die Folge: Das eigentliche Anliegen der Künstler*innen droht unterzugehen. Durch den fortwährenden Innovationsdruck geht der Raum für nachhaltige und kontinuierliche Auseinandersetzung verloren.

Immer mehr, immer Neues – diese Forderung, die auch in den Fördersystemen vorherrscht, gehört zum Wesen des Kapitalismus. Das Karussell der vermeintlich neuen Sensationen dreht sich auch in der Kunst immer rasender und verrückter.

Rückzug und Verweigerung sind nicht selten die Reaktion auf diese aktuellen Überforderungen. In Neukölln hört man derzeit immer häufiger Bartlebys Mantra „I would prefer not to“.
 
Aus dieser Gemengelage ergeben sich einige erste Impulse für künstlerische Reflexionen zum Thema „SATT“ im Rahmen von 48 STUNDEN NEUKÖLLN:

1. Im Überangebot der Kunstmetropole Berlin scheint das Gefühl für Kunst verloren zu gehen. Wie können wir in Berlins größtem freiem Kunstfestival Raum für die ästhetische Erfahrung der Kunstwerke eröffnen?

2. Viele Künstler_innen vesuchen die Vielheit der Information und Eindrücke verarbeiten. Sie reagieren entweder mit dem Auflösen von Genregrenzen oder sie finden als Gegenentwurf reduzierte Positionen. Welche Erkenntnisse könnte eine spannungsvolle Gegenüberstellung von hybriden Kunstexperimenten und klaren Formsprachen ermöglichen?

3. Im Kontext der Übersättigung wäre ein möglicher Gegenentwurf in einem Prinzip der Flüchtigkeit zu finden. Wie könnten flüchtige Installationen, Strukturen oder Inszenierungen im öffentlichen Raum aussehen, die Momente von doppeldeutiger Wahrnehmung zu erzeugen, um neue Zustände und Räume erschließen?

4. Durch das Überstrapazieren des Begriffs Partizipation haben es Kunstprojekte, die sich jenseits des Effektvollen, Pompösen und der bevormundenden Didaktik bewegen, immer schwerer. Welche Ansätze einer zugewandten Kunstvermittlung und welche Bemühungen um echte Teilhabe wären im Rahmen von SATT denkbar?

5. Die Warenwelt des Konsums verspricht immer größere Bequemlichkeit und Annehmlichkeit. Wie lassen sich gemischte Empfindungen erzeugen, die unangenehme Gegenstände und Empfindungen in einer reizübersteigerten Welt untersuchen?

6. Übersättigung wird immer auch als Überschreitung eines Gleichgewichtszustands beschreiben. Wie könnte eine unverstellte Wahrnehmung dieser gefährdeten Gleichgewichtszustände aussehen?